BLUTIGE VERNUNFT

20 Thesen gegen die sogenannte Aufklärung und die „westlichen Werte"

Robert Kurz

1.

Der Kapitalismus siegt sich sowohl materiell als auch ideell zu Tode. Je brutaler diese zur Weltgesellschaft gewordene Form der Reproduktion die Welt verwüstet, desto mehr schlägt sie sich selber Wunden und untergräbt ihre eigene Existenz. Und dazu gehört auch der gemeinsame intellektuelle Untergang der Modernisierungsideologien in einer Ignoranz und Begriffslosigkeit neuen Typs: Rechts und Links, Fortschritt und Reaktion, Freiheit und Repression, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit fallen unmittelbar zusammen, weil das Denken in den Formen des warenproduzierenden Systems zum Stillstand gekommen ist. Je dümmer die geistige Repräsentanz des Markt- und Geldsubjekts wird, desto gespenstischer plappernd wiederholt sie die ausgeleierten bürgerlichen Tugenden und westlichen Werte. Keine von Elend und Massakern gezeichnete Landschaft des Planeten, über der nicht kübelweise die Krokodilstränen demokratischer Polizeimenschlichkeit ausgeschüttet würden; kein verstümmeltes Folteropfer, das nicht zum Anlaß genommen würde, die Freuden bürgerlicher Individualität auszumalen. Jeder staatsbrave, Zeilen schindende Idiot beschwört die athenische Demokratie; jedes ehrgeizige Polit- oder Wissenschaftsluder möchte sich im Licht der Aufklärung bräunen.

Was jetzt noch radikale Kritik heißen will, kann sich nur mit Zorn und Ekel vom geistigen Gesamtmüll des Abendlands abwenden. Viel zu kurz greift jene sattsam bekannte Denkfigur, die Aufklärung als solche gegen ihre platten bürgerlichen Vereinnahmer von heute verteidigen zu wollen, eine einstige Höhe der Reflexion quasi bildungsbürgerlich für sich gegen die intellektuelle Plebs und den abendländischen Mob des 21. Jahrhunderts zu reklamieren. Dieser Mob ist die zu sich gekommene Aufklärung selber. An ihren verheerenden Resultaten soll die so genannte Moderne gemessen werden: ohne Ausflüchte, ohne eine verkrampfte Dialektik der Rechtfertigungen und Relativierungen.

Kritik kann sich freilich nicht allein von der „Wut im Bauch" leiten lassen; sie muß sich intellektuell grundsätzlich neu legitimieren. Auch wenn sie sich des theoretischen Begriffs bedient, bedeutet dies keine Rückbindung an die Standards der Aufklärung selber, sondern folgt umgekehrt allein aus der Notwendigkeit, die intellektuelle Selbstrechtfertigung der Aufklärung zu zerstören. Es geht nicht darum, in aufklärerischer Manier die Affekte im Namen einer abstrakten, repressiven Vernunft (also im Gegensatz zum Wohlbefinden der Individuen) an die Kandare zu nehmen, sondern im Gegenteil darum, die intellektuelle Legitimation dieser modernen Selbst-Domestizierung des Menschen aufzubrechen. In diesem Sinne bedarf es einer radikalen emanzipatorischen Antimoderne, die sich nicht nach dem sattsam bekannten Muster der bloß „reaktionären", selber bürgerlich-westlichen Gegenaufklärung oder Gegenmoderne in die Idealisierung irgendeiner Vergangenheit oder „anderer Kulturen" flüchtet, sondern mit der bisherigen Geschichte als einer Geschichte von Fetisch- und Herrschaftsverhältnissen bricht.

Im Sinne des Marxschen Diktums von der Überwindung des modernen Fetischismus als „Ende der Vorgeschichte" steht ein alle Ebenen der Reflexion und alle Lebensbereiche übergreifendes umstürzlerisches Großprojekt auf der Tagesordnung, das die abstraktesten Kategorien ebenso erfaßt wie die kulturell-symbolischen Formen und den Alltag: eine negative Großtheorie, die den Hebel der radikalen Kritik wesentlich tiefer ansetzt als ihre Vorgänger im 19. und 20. Jahrhundert. Auch dies ist nicht als Fortsetzung des aufklärerischen Anspruchs mit anderen Mitteln mißzuverstehen. Vielmehr folgt ein derart großtheoretischer Ansatz neuer Qualität allein der Notwendigkeit, durch das selber positiv großtheoretische Legitimationskonstrukt der warenproduzierenden Moderne negierend hindurchzugehen, um es zu zerbrechen statt sich bloß daran vorbeimogeln zu wollen. Eben deshalb muß es sich um eine negative, sich selbst überwindende und überflüssig machende Großtheorie handeln, und nicht mehr um die legitimatorische Setzung eines neuen positiven Prinzips (anaolog zur kapitalistischen Wertabstraktion), nach dem alles gemodelt werden soll.

2.

Der Anspruch einer neuen negativ-emanzipatorischen Großtheorie ist zwar unter dem Titel der „Wertkritik" als kategoriale Kritik des warenproduzierenden Systems bereits formuliert, aber noch nicht mit ausreichender Klarheit und emanzipatorischer Feindschaft gegenüber der Aufklärung, deren bürgerlich-ideologische Ontologie vielmehr als „schweigende Dimension" selbst in der scheinbar radikalsten Kritik weiterhin positiv präsent ist und gelegentlich in beschwörenden Floskeln axiomatisch und inhaltslos angerufen wird.

Angesichts des stets neu produzierten Elends und der zunehmenden Zerstörungsprozesse in der Modernisierungsgeschichte hat sich zwar schon in der Vergangenheit neben der reaktionären Gegenmoderne auch eine „linke", im weitesten Sinne selber „modernistische", emanzipatorisch gemeinte Kritik der Aufklärung herausgebildet; diese Versuche blieben jedoch stets bei bloßen Relativierungen stehen, weil sie sich nur als vermeintliche „Selbstkritik" der Aufklärung verstehen konnten. Ein derart halbherziges, dem Gegenstand der angeblichen Kritik eher freundschaftlich verbundenes Vorgehen implizierte von vornherein, den substantiellen Kern der Aufklärungsideologie (die bürgerliche Subjekt- und Verkehrsform) nicht in Frage zu stellen. Deshalb bleibt der letzte Schritt noch zu tun, der die Kritik endgültig von der bürgerlichen Ontologie trennt; der Rubikon ist noch nicht überschritten.

Die Kategorie des Bruchs ist entscheidend geworden, während die bisherige Kritik immer bloß ein letztlich affirmativer Bestandteil ihres Gegenstands war und daher die Kontinuität statt den Bruch betonen mußte; oft genug in die bigotte Formel eines zu pflegenden positiven „Erbes" gekleidet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist jedoch kein positiver Denk- und Handlungsweg in den Formen des modernen warenproduzierenden Systems mehr möglich. Jede Berufung auf die Subjektform und die legitimatorische Ideengeschichte der über das Realabstraktum des Werts negativ vergesellschafteten Moderne, in welcher ab- oder umgerüsteten Form auch immer, kann sich als Kritik nur noch blamieren.

Nötig geworden ist also die grundlegende Neukritik der bürgerlichen Konstitution und ihrer Geschichte. Die unbewohnbaren Ruinen der abendländischen Subjektivität verlangen nicht nach der geschmackvollen intellektuellen Innenarchitektin, sondern nach dem Baggerfahrer mit der Abrißbirne. Dies betrifft wesentlich den Unterbau und legitimatorischen Rückbezug aller modernen Theoriebildungen des 19. und 20. Jahrhunderts, nämlich eben die Philosophie der Aufklärung. Im Gegensatz zu den späteren Theorien handelte es sich dabei um eine Reflexion, die das voll ausgebildete bürgerliche Subjekt der Moderne nicht bereits voraussetzte, sondern es gewissermaßen mit zur Welt brachte; die sogenannte Aufklärung war insofern in einem weitaus emphatischeren Sinne „Durchsetzungsideologie" des modernen warenproduzierenden Systems als die darauf aufbauenden oder sich vermeintlich davon abstoßenden theoretischen Reflexionen in der späteren Durchsetzungsgeschichte der Wertvergesellschaftung.

Das Aufklärungsdenken, zu seiner Zeit noch als distinkte und unerhörte, teils sogar geradezu schwer verständliche Denkweise aufgefallen, ist nicht nur zur Voraussetzung alles weiteren theoretischen Denkens überhaupt geworden, sondern in das allgemeine gesellschaftliche Bewußtsein eingegangen und als eine Art bewußtloser Sedimentation auch zur nicht-reflexiven Denkweise des bürgerlichen Alltagsverstands geworden. Und auch als solches ist es von Grund auf zu destruieren.

3.

Dazu sind allerdings einige Bemerkungen nötig. So hat jede Geschichte selber wieder eine Geschichte, und daher ist natürlich auch das Aufklärungsdenken nicht voraussetzungslos; weder im Sinne einer „Geistesgeschichte" noch im Sinne objektivierter gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Vorgeschichte oder gesellschaftliche Ur-Konstitution der Moderne könnte als „politische Ökonomie der Feuerwaffen" im 15. und 16. Jahrhundert datiert werden, als die „militärische Revolution" (Geoffrey Parker) eine neue und in neuer Weise repressive Organisationsform der Gesellschaft hervorbrachte, die über die frühmodernen Militärdespotien zum modernen Staat ebenso wie zur Entfesselung des kapitalistischen Verwertungsprozesses („Geldwirtschaft" als irrationaler Selbstzweck) führte.

Mit diesem Prozeß überlappte sich eine zunächst unabhängig davon begonnene, aus dem so genannten „Mittelalter" (was übrigens selbst schon eine dem Aufklärungsdenken entstammende Klassifizierung ist) herausführende Denkbewegung, die heute unter dem Epochenbegriff der „Renaissance" erscheint. Wahrscheinlich wird es bei einer wertkritischen Reformulierung von Geschichte und Geschichtstheorie nötig, auch eine andere historische Einteilung vorzunehmen. Jedenfalls war das Renaissance-Denken mit seiner Wiederentdeckung der antiken Klassiker zunächst ebenso wie die dazugehörige Gesellschaft zumindest in einer bestimmten krisenhaft-transformatorischen Phase - man denke an die frühneuzeitlichen Volksaufstände - noch relativ offen für alternative Entwicklungen und Denkwege.

Nach dem Durchgang durch den Absolutismus, der den primären ökonomischen und politischen Systembildungsprozeß der kapitalistischen Produktionsweise ausmachte, war jedoch die Möglichkeit eines anderen Entwicklungspfades abgeschnitten, auch wenn sich der Widerstand sozialer Bewegungen gegen diesen Prozeß noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts hinzog. Die moderne Wertvergesellschaftung begann sich nun auf ihren eigenen Grundlagen zu entfalten, wobei das Aufklärungsdenken diese zweite Start-up-Phase, die in die wertförmige Industrialisierung mündete, als ebenso militante wie affirmative Zurichtungsideologie begleitete.

Die von der frühmodernen Kanonen-Ökonomie und ihren sozialen Protagonisten auf den Weg gebrachte zirkulative Konkurrenz-Subjektivität erhielt dabei ihren ideellen Schliff und machte gleichzeitig einen Entpuppungsprozeß durch, der die absolutistische Hülle nur abschüttelte, um das reine moderne Geld- und Staatssubjekt jenseits seiner rohen Embryonalform auf die Welt loszulassen und ontologisch zu begründen. Daß dieses die Wertform als totalitären Anspruch an Mensch und Natur erstmals explizit formulierende Denken sich durch einen paradoxalen, repressiven Freiheits- und Fortschrittsbegriff legitimierte, machte es zur Falle für das Verlangen nach sozialer Emanzipation. Gerade damit wurde die Kritik immer nur für die weitere Durchsetzung der Wertform instrumentalisiert.

Der ewige positive Rückbezug auf das Begriffssystem und die sogenannten „Ideale" der Aufklärung bildet den Verblendungszusammenhang eines gesellschaftskritischen Denkens, das sich so bis heute selber an die Kategorien des herrschenden Systems universeller Zerstörung fesselt. Solange diese Fesseln des Aufklärungsdenkens nicht gesprengt werden, bleibt die Kritik die Magd ihres Gegenstands oder sie muß zusammen mit dessen weiterer Entwicklungsfähigkeit erlöschen.

4.

Ein zentraler Punkt des gesellschaftskritischen Mißverständnisses von Aufklärung ist die eingefleischte Interpretation, daß es sich dabei um ein emanzipatorisches Versprechen gehandelt habe, gar um das Versprechen einer Freiheit des menschlichen Strebens nach Glück (pursuit of happiness). Dieses Versprechen wurde mit einer Intention von Vernunft schlechthin und „permanenter Kritik" vor dem Richterstuhl dieser Vernunft kurzgeschlossen, sodaß es so schien, als könne und müsse das Aufklärungsdenken immer weitergehen, auch über seine ursprünglichen Kreatoren und Protagonisten hinaus, bis es „verwirklicht" sei. Gerade dadurch konnte sich das fundamentale Mißverständnis erhalten, daß Aufklärung etwas anderes als positive Selbstreflexion des Kapitalismus oder Logik des warenproduzierenden Systems sei, daß sie über sich selbst in ihrer bürgerlichen Verfaßtheit hinausweisende, transzendierende Momente der Emanzipation enthalte.

Obwohl der schillernde, unscharfe Vernunftbegriff des Aufklärungsdenkens immer wieder thematisiert wurde, blieb doch die Kritik daran selber unscharf, indem sie stets einer präzisen Bestimmung des reduzierten, normativen Gehalts im aufklärerischen Vernunftbegriff auswich. Dieses Verständnis von Vernunft enthielt jedoch im Grunde nichts anderes als die militante Affirmation der metaphysischen Form, das heißt der Wertform des modernen warenproduzierenden Systems oder der irrational verselbständigten Form des „automatischen Subjekts" (Marx); eine Bezeichnung, die auf den absurden Charakter der auf sich selbst als Selbstzweck zurückgekoppelten Verwertungsbewegung des Kapitals verweist, und damit gleichzeitig auf die entsprechende Absurdität der dazugehörigen Subjektform, wie sie das Denken und Handeln der an dieses Rad gebundenen gesellschaftlichen Individuen prägt. Dieser destruktive Begriff von Vernunft wurde im Aufklärungsdenken wesentlich entfaltet, das reflexive Denken darauf zugeschnitten und jede andere Reflexionsebene ausgeschaltet, bis mit zunehmender Durchsetzung des Systems kapitalistischer Wertvergesellschaftung die „Macht des Faktischen" im Denken als Positivismus dieser „realisierten" Vernunft ankommen und die Reflexion überhaupt auf Sparflamme zurückgedreht werden konnte. Der aufklärerische Sonnenaufgang der Vernunft war daher zugleich der Untergang der Vernunft, vermittelt durch die Einbannung des menschlichen Denkvermögens in die ganz und gar unvernünftige Form der Wertvergesellschaftung.

Deshalb kann auch keine Rede von einer transzendierenden Permanenz der aufklärerischen Intention von Kritik sein. Die Aufklärung in allen ihren Variationen und Entwicklungsstufen hat immer nur diejenigen Zustände und Erscheinungen einer Kritik unterzogen, die irgendwie dem zermalmenden Rad der Verwertungsbewegung im Wege standen. Eben deswegen war ihre Kritik an den vormodernen Zuständen eine Kritik von Herrschaft nur insofern, als den bisherigen Herrschaftsformen mangelnde Effizienz und mangelnde Zugriffsfähigkeit bis ins Innere der Individuen vorgeworfen wurde. Aufklärung war von Anfang an Ausleuchtung der Schwachstellen von Herrschaft, um diese in einer neuen, versachlichten Form zu befestigen, die gleichzeitig als unübersteigbare Naturform ideologisiert wurde. Der Anfang aufklärerischer Kritik war daher zugleich das Ende aller Kritik, das Verschwinden von Kritik in der selbstbezüglichen Form bürgerlicher Subjektivität. Aufklärung wollte eine grundsätzliche Kritik an dieser Form nicht etwa bloß zurückweisen, sondern geradezu denkunmöglich machen.

Deshalb war die Aufklärungsphilosophie als Begründung westlicher Werte auch ihrer Natur nach kein Versprechen, sondern in Wahrheit eine Drohung; genauer gesagt: die Drohung nahm perfiderweise die Form eines Versprechens an. Nicht das Glück wurde versprochen, sondern einzig das Streben danach in der Form mörderischer Konkurrenzverhältnisse, was zugleich den Begriff des Glücks dementiert. Der an sich schon unscharfe, beliebige Begriff des Glücks meinte nie etwas anderes als den Erfolg in der Konkurrenz, was die Gegenstände des Glücks immer schon in einer kapitalistischen Form voraussetzt, außer der es keine andere Form geben soll. Der Zwang für die Individuen, ihr Glück unter den Zwängen der Verwertungsbewegung zu suchen, ist insofern identisch mit einer ungeheuren Drohung, weil er erstens die Glücksgeschichte als Leidens- und Zumutungsgeschichte präformiert und zweitens selbst noch innerhalb von Leid und Zumutung das völlige Scheitern und den Verlust der sozialen, ja sogar der physischen Existenz nicht bloß als Möglichkeit zuläßt, sondern für die notwendigen Verlierer von vornherein voraussetzt.

Dechiffriert als fundamentale Drohung kann das aufklärerische Versprechen einer Freiheit des Strebens nach Glück auch nicht mehr als positives (ohnehin nichtssagendes, inhaltsloses, der Inhaltslosigkeit der Wertform entsprechendes) Ideal verstanden werden. Es geht daher auch nicht etwa darum, eine Differenz von bürgerlichem Ideal und bürgerlicher Wirklichkeit aufzumachen: sei es, um das Ideal gegen die Wirklichkeit einzuklagen und eine ideale bürgerliche Wirklichkeit herstellen zu wollen (die naive Variante); sei es, daß jene Naivität scheinbar kritisiert wird, nur um dann das immer noch bürgerliche Ideal vermeintlich jenseits der bürgerlichen Verhältnisse realisieren zu wollen. Vielmehr ist es die Aufgabe radikaler Kritik, den negativen, zerstörerischen Charakter des bürgerlich-aufklärerischen Ideals selber und damit die faktische Identität von Ideal und Wirklichkeit gerade in der Leidens- und Zumutungsgeschichte der Moderne aufzudecken. Zusammen mit der modernen Form des Glücks, das sich als veritables Unglück darstellt, ist auch die moderne Form des Reichtums von Grund auf zu kritisieren. Dazu bedarf es als Voraussetzung einer ebenso grundsätzlichen Kritik der aufklärerischen Begrifflichkeit von Vernunft, Subjekt und Geschichte.

5.

Nichts hat die bürgerliche Aufklärungsideologie stärker in unsere Köpfe gehämmert als ihre Geschichtsmetaphysik. Die Realmetaphysik von Arbeit und Wert wird historisch in das teleologische Konstrukt des „Fortschritts" eingebannt. Der bürgerlichen Arbeitsontologie, die das Realabstraktum „Arbeit" (laut Marx die „Substanz" der Wertform) als ewige Menschheitsbedingung definiert, und der daraus resultierenden Arbeitsmetaphysik einer vermeintlichen Befreiung der Arbeit (und Befreiung durch Arbeit) entspricht die bürgerliche Ontologie und Metaphysik des Subjekts: Das warenproduzierende Arbeits-, Zirkulations-, Erkenntnis- und Staatssubjekt der Moderne gilt als „der Mensch" schlechthin, und damit verbunden ist das metaphysische Versprechen einer „Autonomie und Selbstverantwortung" durch die bürgerliche Denk- und Handlungsform. Diesem ideologischen Konstrukt des Subjekts wiederum entspricht die bürgerliche Fortschrittsontologie, die alle bisherige Geschichte als Aufstieg von einer niederen zu einer höheren Form versteht, und die darauf aufbauende Fortschrittsmetaphysik, die in der modernen Wertvergesellschaftung die Krönung und den Abschluß der Geschichte erblickt.

Im ursprünglichen Aufklärungsdenken handelte es sich dabei zunächst um den angeblichen Fortgang vom „Irrtum" zur „Wahrheit", klassisch formuliert bei Condorcet. Die bisherige Menschheit, so noch Kant in seinen sämtlichen Hauptwerken, sei in ihrem Denken und Handeln auf systematische Fehler und Inkonsequenzen verfallen; sie habe sich der Irrationalität und falschen Neigungen hingegeben, während erst jetzt, mit der bürgerlichen Moderne, das Zeitalter der „Vernunft" angebrochen sei.

Hegel kritisierte dieses Konstrukt nur insofern, als er es in eine raffiniertere Form umgoß: Seiner Version zufolge sind die vormodernen Geistes- und Gesellschaftszustände nicht als bloße Irrtümer, sondern als „notwendige Entwicklungsformen" und Durchgangsstadien des in der menschlichen Geschichte zu sich kommenden „Weltgeistes" zu fassen. Die Geschichte ist also Entwicklungsgeschichte, und zwar eine notwendige. Allen früheren Formationen wird das Recht dieser Notwendigkeit zugestanden, aber ein jeweils minderes, je ferner in der Vergangenheit sie liegen. In der metaphorischen Gleichsetzung von historisch-gesellschaftlicher Onto- und Phylogenese erscheinen sie als Etappen eines Reifeprozesses der Menschheit von vor- und halbmenschlichen oder halbtierischen Zuständen über Kindheit und Jugendalter bis zum glorreichen Status des endlich „vernünftigen" (männlichen und weißen) Erwachsenen. Der Positivismus als legitimer Erbe der Aufklärung hat dieses Schema seit Comte vulgarisiert, popularisiert und politisiert, etwa in den legitimatorischen Kolonisations- und den späteren politisch-ökonomischen „Entwicklungs"-Theorien.

6.

Die in diesem Geschichtskonstrukt zu sich kommende Subjektform ist einerseits abstrakt-universell („Gleichheit") und insofern geschlechtslos. Andererseits werden aber die nicht durch den Wert erfaßbaren Momente von gesellschaftlicher Reproduktion, menschlichen Ausdrucksformen etc. an „die Frau" (als biologisches Sexual- und Mutterwesen) delegiert und von der „eigentlichen" Subjektform des Werts abgespalten. Das Wertverhältnis stellt sich somit nur vordergründig als übergreifend-universell dar, indem es sich als Totalität suggeriert, die es nicht ist und nicht sein kann. Jenseits eines positiven Totalitätsbegriffs handelt es sich bei der modernen Gesellschaft tatsächlich um ein in den Wertkategorien ausgeblendetes Meta-Verhältnis, nämlich das basal geschlechtlich bestimmte „Abspaltungsverhältnis" (Roswitha Scholz).

Dieses gerade die vermeintliche Universalität dementierende Verhältnis verschwindet einerseits in der bürgerlich-aufklärerischen Begriffswelt; wo es andererseits in seinen alltäglichen praktischen Erscheinungsformen benannt werden muß, sind diese Phänomene in den bürgerlichen Kategorien verräterisch nur darstellbar als „objektive (naturhafte) Ungleichheit". Die abstrakte Gleichheit bezieht sich somit ausschließlich auf das Binnen-Universum der Wertform und gilt für die Frau nur, soweit sie eben auch in dieser Form agiert (als Käuferin oder Verkäuferin von Waren oder Arbeitskraft), während die von diesem nur scheinbar selbstgenügsamen Universum abgespaltenen Momente ausgeblendet bleiben.

Der Universalismus des warenproduzierenden Systems ist somit nicht nur (real) abstrakt und destruktiv, sondern auch scheinhaft, weil er der tatsächlichen gesellschaftlichen Allgemeinheit ermangelt. Als abgespaltenes Wesen ist die soziale „Weiblichkeit" außerhalb des Universalismus gesetzt, während die empirische Frau eben dadurch in sich gespalten wird: als Auch-Geldsubjekt ist sie „drinnen", als Trägerin der abgespaltenen Momente und Lebensbereiche ist sie „draußen".

Das Abspaltungsverhältnis als paradoxes Gesamtverhältnis der Wertvergesellschaftung impliziert also die unwahre, formale Universalität innerhalb der Wertsphäre und gleichzeitig die geschlechtliche Bestimmung der abgespaltenen, ausgeschlossenen Momente, sodaß letztlich das eigentliche und volle Subjekt der Wertform als männlich definiert ist. Somit ist auch das Subjekt der Geschichte, also der Träger des „historischen Fortschritts" und der „zu sich" kommenden Ontologie, im Prinzip männlich, während das zwangsläufig naturhaft und damit geschichtslos bleibende Moment des Nicht-Subjekts qua vermeintlich biologischer Bestimmung im Prinzip als weiblich gilt.

7.

Im Geschlechterverhältnis als Abspaltungsverhältnis werden die sozial notwendigen, aber nicht wertförmig darstellbaren Momente der materiellen, kulturellen und psychischen Reproduktion aus der Gleichheit und Universalität der Wertvergesellschaftung ausgegrenzt und damit in eine verstümmelte Form gebracht, in der sie eine stumme Existenz als Schatten der Wertform fristen. Weil sie eben wertförmig objektiv nicht darstellbar sind, ist es auch sinnlos, die abgespaltenen Momente in die von der Wertform begrenzte abstrakte Universalität hineinklagen zu wollen. Diese falsche, negative Universalität beruht ja gerade auf der Abspaltung, ohne die sie nicht existieren und nicht gedacht werden kann. Umgekehrt macht das Abgespaltene auch seinerseits keine soziale, kulturelle oder psychische „Eigentlichkeit" aus, in die der abstrakte Universalismus positiv aufgelöst werden könnte. Vielmehr ist das Abgespaltene als Abgespaltenes eben reduziert und verstümmelt; die Überwindung des Abspaltungsverhältnisses und damit des Wertverhältnisses selbst ist nur als Überwindung beider Seiten möglich.

Das Abspaltungsverhältnis bildet dabei die übergreifende Logik der Moderne, die nicht mit der unmittelbaren Empirie der Geschlechterverhältnisse verwechselt werden darf. Die geschlechtliche Zuschreibung von Wert-Universalismus einerseits und Abspaltung andererseits ist ja nicht wirklich naturhafte Objektivität, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt; freilich kein zufälliges und beliebiges, sondern ein historisch objektiviertes, das nur zusammen mit der Form-Konstitution des Werts aufgebrochen werden kann. Insofern bildet es auch ein empirisches, unabweisbares Moment in der Identität der Individuen, ohne daß diese jedoch darin aufgehen würden.

Deshalb ist es empirisch durchaus möglich, daß etwa Frauen auch innerhalb der abstrakt-universalistischen Sphäre des Wert-Universums nicht bloß partiell agieren, sondern auch darin aufgehen, Karriere machen usw. Sie sind insofern „Subjekte", also quasi strukturell „männlich", wenn auch meist in paradox gebrochenen Identitätsformen. Das Abspaltungsverhältnis als solches in seiner Logik wird dadurch jedoch überhaupt nicht berührt. Die Karriere-Frauen zum Beispiel dementieren dieses Verhältnis nicht, sondern repräsentieren es als Subjekte den anderen Frauen (und in gewisser Weise sich selbst) gegenüber. Die Abspaltung als solche existiert auch in tausendfach gebrochenen und fragmentierten Formen weiter, solange das Wertverhältnis weiterexistiert.

8.

Der abstrakte, repressive, abspaltende und ausschließende Charakter des westlichen, vom Wertverhältnis konstituierten Universalismus macht sich nicht nur auf seiner basalen geschlechtlichen Ebene geltend, sondern auch darüber hinaus. Dieser allein auf die Binnenwelt der Wertform bezogene Universalismus bildet in mehrfacher Hinsicht ein System und Mechanismen der Ausgrenzung. Die Definition „des Menschen" als Wertsubjekt setzt nicht nur das abgespaltene „Weibliche" auf eine halbmenschliche Stufe herab, sondern schließt ihrer Natur nach überhaupt alle Individuen sozial aus der Menschheit aus, die vorübergehend oder dauerhaft nicht (oder nicht mehr) im Rahmen der Selbstbewegung des „automatischen Subjekts" agieren können, also von dessen Standpunkt aus, der zum Standpunkt der sozialen Reproduktion überhaupt geworden ist, als „überflüssig" und somit prinzipiell als Nichtmenschen gelten müssen. Das aufklärerische Menschenrecht schließt die temporäre oder totale Entmenschung der kapitalistisch nicht reproduzierbaren Individuen ein, weil es von vornherein nur auf den Menschen als Wertsubjekt bezogen ist.

Die Entmenschung des Menschen ist qua Definition des Universalismus als Eingrenzung auf das Binnen-Universum der Wertmetaphysik objektiv gesetzt; exekutiert wird dieses Resultat aber erst durch den Prozeß der Konkurrenz. Die Konkurrenz entscheidet, wer wann und wo aus der Kategorie Mensch herausfällt. Deshalb wird die Konkurrenz apriori, ausgehend von der westlichen Selbstdefinition der Aufklärung, rassistisch und (als ultima ratio der Krisenkonkurrenz) antisemitisch besetzt. Rassismus und Antisemitismus bilden daher keinen prinzipiellen Gegensatz zum aufklärerischen Universalismus, sondern sind im Gegenteil als notwendige Konsequenz der Eingrenzung auf Wertform und damit Konkurrenz dessen integrale Bestandteile. Das Subjekt ist so seinem Begriff nach nicht nur männlich, sondern auch weiß.

Für die doppelte Logik von sozialer Entmenschung und rassistischer Ausgrenzung gerade durch den westlichen Universalismus gilt dasselbe wie für das basale Abspaltungsverhältnis: Es handelt sich um eine als objektiviertes Konstrukt wirksame Logik, die nicht unmittelbar mit den empirischen Verhältnissen deckungsgleich ist, diese aber dennoch strukturiert. Für die nicht-weißen Individuen gilt daher ähnliches wie für die weiblichen: Im Zuge der Globalisierung können sie minoritär (und oft mitten in den globalen Zusammenbruchsregionen) in den abstrakten Universalismus des Werts aufsteigen; als Subjekte sind sie damit aber immer nur „nicht-weiße Weiße". Wie durch den Aufstieg von Frauen in den Subjektstatus des Wert-Universums das Abspaltungsverhältnis nicht dementiert wird, ebensowenig wird durch den entsprechenden minoritären Aufstieg von nicht-weißen Individuen der westliche Universalismus als soziales und rassistisches Ausschließungsverhältnis dementiert. Und in derselben Weise ist es sinnlos, den westlichen Universalismus sekundär noch einmal universalisieren zu wollen, weil er qua Konkurrenz gerade auf dieser Ausschließung beruht. Die soziale kann sich ebensowenig wie die geschlechtliche Emanzipation auf den Universalismus der Aufklärung berufen.

9.

Das seiner inhärenten Logik nach männlich-weiße aufgeklärte Subjekt des Werts und der Geschichte enthält in sich eine auf dem Boden des Werts unauflösbare Aporie: Es ist einerseits definiert als das selbstherrliche Subjekt des bürgerlichen „freien Willens", der sich eine Welt von Objekten schafft, von denen er gleichzeitig wie durch eine undurchdringliche Schottenwand auf immer qua seiner eigenen selbstbezüglichen Form getrennt ist: affirmativ dargestellt in der Kantschen Ding-an-sich-Problematik; bei Hegel als Entäußerungsbewegung des freien Willens in die Objekte, in denen er sich jedoch als Anderes, dem Anspruch nach Selbstgenügsames oder Selbstbezügliches erhält, um zu sich zurückzukehren – die logisch-philosophische Darstellung des Verwertungsprozesses und seiner Subjektbewegung.

Diese Form des „freien Willens" ist jedoch andererseits selber wesentlich und unverhandelbar objektiv, fällt also insofern nicht in die „Freiheit" der Wahl einer Alternative. Es ist nur die „freie Auswahl" im Waren-Universum nach Maßgabe der Zahlungs- und Rechtsfähigkeit des Individuums, das außerhalb dieser Kriterien gesellschaftlich gar nicht als Mensch existiert. Somit ist das freie Subjekt des Werts sich selber Objekt, es objektiviert sich selbst als empirisches Wesen, auf den Begriff gebracht in der Kantschen Ethik einer wahrlich monströsen Selbstvergewaltigung des realen Individuums nach Maßgabe der leeren Form eines „Gesetzes überhaupt".

Dieselbe Philosophie, ergänzt durch und gestützt auf die kapital-ökonomistische schottische (angelsächsische) Aufklärung, treibt das aporetische Verhältnis sowohl erkenntnis- als auch handlungstheoretisch („ethisch") auf die Spitze: Das Subjekt als Subjekt ist samt seiner „Freiheit" nicht von dieser Welt, seinem Wesen nach getrennt von aller Sinnlichkeit, praktischen Gegenständlichkeit und sozialen Bedürftigkeit; es ist ein bloßes Gespenst der leeren Fetischform des Werts. Soweit sich dieses Subjekt-Gespenst jedoch auf die wirkliche Welt bezieht, ist es auch schon „naturnotwendig unfrei", weil es nur nach den (mechanischen) physikalischen und gesellschaftlichen „Naturgesetzen" erkennen und handeln kann, die paradoxerweise und zu allem Überfluß laut Kant gar nicht die immanenten Daseinsgesetze der Natur selber sind, sondern allein die Erkenntnisform seiner eigenen entfremdeten (ihm selbst als Fremdes erscheinenden) Beziehung zur Sinnenwelt. Die Freiheit ist leer und jenseitig, das wirkliche Leben spielt sich als gnadenloses „Naturgesetz" des Kapitals und seines endlosen Verwertungsprozesses ab.

Der Begriff der Sinnlichkeit wird dabei selber abstrakt gesetzt als „Sinnlichkeit überhaupt", gerade weil der wirkliche sinnliche Bezug für die Wertabstraktion gleichgültig bleibt. Damit ergibt sich eine paradoxe Verkehrung im Begriff von Sinnlichkeit und Natur: Einerseits wird geleugnet, daß der „Stoffwechselprozeß mit der Natur" (Marx) selber immer schon kulturell konstituiert und keineswegs unmittelbar ist; daß sich also die Sinnlichkeit selber historisch und kulturell unterschiedlich darstellt einschließlich des Verständnisses von Raum und Zeit. Die Sinnlichkeit erscheint stattdessen ahistorisch als die immer schon abstrakte, gleichgültige des Wertverhältnisses. Andererseits „arbeitet" die Wertvergesellschaftung wie keine historische Formation vor ihr mit Macht daran, die gesamte Natur und Sinnenwelt einschließlich der menschlichen Sexualität tatsächlich vollständig ihrem eigenen Begriff gleichzumachen; also die Natur selbst in einen ahistorischen Zustand der völligen Kompatibilität mit der Wertabstraktion zu verwandeln und jede Differenz zwischen Natur und kapitalistischer Gesellschaft einzuebnen (ein notwendig zum Scheitern verurteiltes Unterfangen).

Indem sie so die gesamte Natur und damit auch die Sinnlichkeit der Individuen qua Wertabstraktion objektiviert, zerfällt die Wertvergesellschaftung als ganzes wie jedes ihrer Subjekte an sich selber in eine aporetische Polarität von Subjekt und Objekt; Gesellschaft wird zur blinden Objektivität, die den davon geformten (strukturell männlichen und weißen) Subjekten als fremde Macht (zweite Natur) gegenübersteht, während die in dieser Logik nicht aufgehenden Momente abgespalten und damit „irrationalisiert" werden müssen. Die Selbstherrlichkeit und „Unbedingtheit" des total entsinnlichten und überhaupt entwirklichten freien Willens schlägt in das genaue Gegenteil eines ebenso unbedingten Objektivismus um.

Wie die Subjektmetaphysik muß somit auch die Geschichtsmetaphysik aporetischer Natur sein: Dem männlichen und weißen Subjekt der Geschichte entspricht die objektive „Naturgesetzlichkeit" der Geschichte, soweit sie die wirkliche Geschichte der Gesellschaft ist; je freier, desto notwendiger (Hegel: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit"). Aufklärung ist so wesentlich eine Ideologie der Selbstvergewaltigung und der Selbstunterwerfung der Individuen unter den versachlichten Imperativ der „zweiten Natur" gemäß den Kriterien der ihnen gegenüber verselbständigten Selbstbewegung der Wertform (Verwertung des Werts).

Soweit Frauen und Nicht-Weiße empirisch in den Subjektstatus der Wert-Metaphysik aufsteigen, emanzipieren sie sich also nicht, sondern tauschen nur die Reduktion auf den Status von Abspaltung und Ausgrenzung durch die andere Reduktion auf den Status der Selbst-Objektivierung aus.

10.

Seiner aporetischen Struktur zufolge muß das männlich-„freie" und weiße Subjekt der Geschichte, das „frei" ist gerade als Exekutor der determinierten Selbstzweck-Bewegung des Werts, nicht nur die Momente von Emotionalität, Sinnlichkeit etc. abspalten, sondern auch sich selbst in einen inneren Gegensatz von Denken und Handeln aufspalten: Auf der einen Seite erscheinen die (ökonomischen und politischen) „Macher", die weitgehend (jedenfalls auf der Meta-Ebene der gesellschaftlichen Formen) reflexionslosen Funktionseliten; auf der anderen Seite die nicht unmittelbar gesellschaftlich handelnden, weitgehend kontemplativen Theoretiker, die sich (ebenso entsinnlicht und entemotionalisiert wie die „Macher") als bloß „äußere" Beobachter gerieren müssen; gewissermaßen als das in einer Nährlösung schwimmende Gehirn auf dem Mars, das durch die apriorische Denkform des Werts hindurch mittels technischer Gerätschaften (oder theoretischer Abstraktionskraft) von außen das wimmelnde Objektleben der irdischen Gesellschaft beobachtet.

Die systematische Spaltung von Theorie und Praxis ist daher real Bestandteil der Wertkonstitution und erscheint gleichzeitig in der dazugehörigen subjekt- und geschichtsmetaphysischen Ideologie. Die Macher vollstrecken den Gang der Objektivität, die kontemplativen Theoretiker weisen nach, daß das alles seine Richtigkeit hat und gar nicht anders sein kann.

11.

Der scheinbar entgegengesetzte Subjektivismus ist bloß ein periodisch auftretendes Abfallprodukt und eine Begleiterscheinung dieser Logik; also die Hypostasierung des anderen Pols, ohne die Form-Konstitution zu verlassen. Weshalb er auch regelmäßig scheitert und wieder in die Objektivität des Subjekts wie der Geschichte zurückgeführt wird. Er hat sich allerdings im Lauf der bürgerlichen Geistesgeschichte auch verfestigt und verselbständigt als subjektivistische Haltung einer falschen Unmittelbarkeit, die den historischen und logischen Konstitutionszusammenhang des von der Wertform des warenproduzierenden Systems bestimmten Subjekts ausblendet und es positivistisch in seinem unreflektierten Gewordensein voraussetzt.

Das Resultat ist entweder die Mystifizierung oder die Ästhetisierung (oder beides) der modernen Subjektivität in ihrer banalen und erbärmlichen Existenz als Agent und „Mundloch" der subjektlosen Verwertungsbewegung. Von der Romantik über die vermeintlichen Solitäre Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche bis zur sogenannten Lebensphilosophie, dem Existentialismus von Heidegger und Konsorten, der damit verbundenen und gesellschaftlich wirkmächtigen Nazi-Ideologie und den aus diesen Wurzeln genährten Denkbewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zieht sich eine ganze Kette von Erscheinungsformen dieser ideologischen falschen Unmittelbarkeit des Wertsubjekts, das sich schmerzhaft als in eine fremde Welt „geworfenes" und ans Kreuz seiner Objektivität genageltes erlebt, um sich im gleichen Atemzug in dieser Existenz selber zu heroisieren, statt sich dagegen aufzulehnen und sich davon zu emanzipieren.

12.

Die Denk- und Erkenntnisform sowohl der „Macher" als auch der kontemplativen Theoretiker ist die Identitätslogik. In praktischer Hinsicht wird dabei die Welt, Natur wie Gesellschaft und alle ihre Gegenstände, der Wertabstraktion angeglichen, mit dem Wert kompatibel und insofern gleich gemacht. Dieser von Haus aus destruktive Zugriff bildet gewissermaßen eine „objektive Intention"; also eine wiederum auf die basale Paradoxie des gesellschaftlichen Verhältnisses verweisende Verkehrung, indem die Absichten der Individuen und Institutionen durch ihre eigene Wahrnehmungs- und Handlungsform präformiert sind vor aller „subjektiven" Absicht. Im auf sich selbst rückgekoppelten Verwertungsprozeß (Arbeitsprozeß, Zirkulationsprozeß, Rückkehr des vermehrten Geldkapitals zu sich selbst) spannt das Wertsubjekt die ungleichnamigen Qualitäten auf das Prokrustesbett der Wertabstraktion. Alles und jedes, von der gröbsten Materie bis zu seelischen Regungen, verfällt diesem Prozeß des praktischen Identifizierens nach dem einen und einzigen Merkmal dieser Realabstraktion.

Das Resultat ist eine stets anwachsende Ökonomisierung und dem Abstraktionsprozeß des Werts folgende Zurichtung der Welt, die durch die scheinbar gegenläufigen subjektivistischen Ideologien der Mystifizierung und Ästhetisierung nur flankiert und in vieler Hinsicht sogar forciert wird. Noch der Konsumtionsprozeß als materielle Reproduktion des Lebens soll sich weitestmöglich dieser Form unterwerfen und ihr angleichen, während die darin niemals aufgehenden Momente, die stets die Kehrseite der Form und keinesfalls einen bloßen „Rest" bilden, der (geschlechtlich besetzten) Abspaltung zugewiesen bleiben. Aber das sozialhistorisch „weibliche" Subjekt der Abspaltung, die Trümmerfrauen der Geschichte als Reparaturkolonne der Wertvergesellschaftung und ihrer Verheerungen, kann gerade qua „weiblicher Tugenden" das Verhängnis der Wertform weder stoppen noch deren Imperative überwinden, eben weil es selber bloß die spiegelverkehrte, negativ identische Figur des „männlichen" Wertsubjekts bildet und mit diesem zusammen konstituiert ist.

Dasselbe gilt wiederum für die rassistisch ausgegrenzten vormodernen Kulturen oder deren ideologische Wiedergänger. Der seit Rousseau durch das aufklärerische Denken irrende „edle Wilde", ein projektives Phantasma der Ahnung von den destruktiven Gehalten der Aufklärungsphilosophie selber, bietet erst recht kein Potential für die emanzipatorische Überwindung der warenproduzierenden Moderne. Die realen vormodernen Fetisch-Verhältnisse waren weder besser als die modernen noch können sie den geringsten Hinweis darauf liefern, wie der Amoklauf der Wertvergesellschaftung zu stoppen wäre. Noch viel weniger liegt ein emanzipatorisches Potential in der bloß ideologischen Konstruktion einer verklärten Vergangenheit oder außereuropäischer „Kulturen", die nach Jahrhunderten der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte nur Zerrbilder der Wertvergesellschaftung und ihrer Subjektivität selber sein können.

13.

Der innere Drang der Verwertungsbewegung als historischer Prozeß besteht darin, zur absoluten Selbstgenügsamkeit der leeren Formabstraktion zu gelangen: die Weltgegenstände daher so lange zuzurichten, bis sie in der Leere dieser Form verschwinden – also durch Weltvernichtung. Damit ist der Todestrieb des aufklärerischen Subjekts und seiner identitätslogischen, abspaltenden Vernunft gesetzt, der sich durch die Modernisierungsgeschichte hindurch entfaltet. Dieser Todestrieb richtet sich auch gegen das als „weiblich" konnotierte Prinzip des Abgespalteten, obwohl und gerade weil dieses die Form der negativen Systemerhaltung bildet. Da der totalitäre Anspruch der Wertform nur um den Preis der Abspaltung, also der (uneingestandenen) „Unvollständigkeit" und mangelnden Selbstgenügsamkeit in der physischen und sozialen Welt darstellbar ist, muß der totalitäre Drang sich letztlich gegen die Reproduktionsfähigkeit des Systems selbst richten. Die logische Unmöglichkeit der totalen Wertform, der vollkommenen Entsinnlichung und Asozialität, wird praktisch als Welt- und Selbstvernichtung.

Dem praktischen totalitären Ökonomismus der leeren Form entspricht die Politik zunächst als dessen emphatische Durchsetzungsform (forciert seit der französischen Revolution), die zur Verwaltungsform des Wertverhältnisses (Krisenverwaltung) erstarrt, um schließlich als Bewußtseinsform des modernen Todestriebs, als Vernichtungs- und Selbstvernichtungsform in den Zersetzungsprozessen des warenproduzierenden Systems zu enden.

Dieselbe Denk- und Erkenntnisform reproduziert sich in der theoretischen, kontemplativen Reflexion als begriffliche, reflektierende Identitätslogik. Wie die strukturell männlichen und weißen „Macher" der bürgerlichen Aufklärung die Welt praktisch totalitär zurichten wollen, so versuchen die entsprechenden kontemplativen Theoretiker die Welt ebenso totalitär begrifflich zu erfassen. Wie in der Praxis wird auch im reflexiven Denken alles entweder durchgestrichen oder abgespalten, was nicht im (wertabstraktiv) identifizierenden Begriff aufgeht. Der kontemplative Theoretiker als reflexives Wertsubjekt spiegelt sich narzißtisch-autistisch in der Welt, in deren Gegenständen er immer wieder nur sich selbst in seiner abstraktifizierenden, permanent abspaltenden Existenz erkennt und anbetet.

Die Welt soll restlos in der Totalität des Werts aufgehen und darstellbar sein oder eben untergehen. Daher die Forderung nach absoluter und positiver begrifflicher Eindeutigkeit und „Ableitbarkeit" (positives Systemdenken). Der praktischen wie der theoretischen Identitätslogik entspricht die Tendenz zur (sozialen wie erotischen) Beziehungslosigkeit und Beziehungsunfähigkeit als Spiegelung der wertabstraktiven Tendenz zur Selbstgenügsamkeit in der leeren Form. Wobei natürlich selbst der hartgesottenste identitätslogisch-kontemplative Theoretiker genausowenig real in seiner Werthaut aufgehen kann wie jedes andere Individuum. Für die Bewältigung der darin angelegten Dilemmata sind dann eben jene Mystifizierungs- und Ästhetisierungs-Ideologien des Subjektivismus zuständig, in die sich das weiße, „männlich"-identitätslogische Erkenntnissubjekt des Werts bei Bedarf flüchten und der Selbstheroisierung hingeben kann.

14.

In Romantik, Lebensphilosophie, Existentialismus und deren vielfältigen Derivaten kommt die repressive und zerstörerische Irrationalität des Wert-Abspaltungsverhältnisses unmittelbar auch auf der Seite des Wertsubjekts zum Ausdruck, allerdings in entsprechenden Formen. Während die abgespaltenen, in der Wertform nicht aufgehenden Momente der Sinnlichkeit, Emotionalität, der mangels wertförmiger Darstellbarkeit nicht oder nur unter katastrophalen Friktionen ökonomisierbaren „Hege und Pflege", der damit verbundenen Reproduktionsbereiche etc. als die „weibliche", naturhafte, nicht begrifflich erfaßbare (und letztlich zu eliminierende) Irrationalität im Gegensatz zum gepanzerten Wertsubjekt erscheinen, naturalisiert und irrationalisiert sich dieses Subjekt der vom Wert gesetzten Rationalität in den subjektivistischen Ideologien selbst; aber bloß kompensatorisch als das, was es ist: Die abstrakte Rationalität schlägt unvermittelt in eine ebenso abstrakte Irrationalität um, die Identität von bürgerlicher Vernunft und objektivem Wahn wird deutlich.

Mit der romantisch-existentialistischen Adaption der Irrationalität dementiert sich das männlich-weiße Wertsubjekt nicht; es entdeckt die „weibliche" (sinnliche) Seite in sich folgerichtig nur als Todes- und Schlächterphantasie, wie sie sich schon von den Ursprüngen der frühmodernen „militärischen Revolution" her im „Kult der Kanonen" herausgebildet hatte und den Bezug zur sinnlichen Welt als abstrakte Vernichtungslogik entwickelte, die sich im Todestrieb der vom Wert bestimmten Subjektform objektiviert hat. Der romantische Kult des Fragmentarischen ist der Trümmerkult der vom Wert verwüsteten Welt, also dem identitätslogischen Totalitarismus nicht entgegengesetzt, sondern dessen Spiegelbild in der Sinnenwelt. „Sinnlich" ist das aufgeklärte Wertsubjekt nur, indem es sinnbildlich oder buchstäblich die Welt zertrümmert und im Blut watet. Diese negative Sinnlichkeit ist selber abstrakt, in ihr erscheint periodisch und auf wachsender historischer Stufenleiter unmittelbar der Todestrieb des Wertsubjekts, das die Welt in die leere Form seiner Realabstraktion auflösen möchte.

Die romantische männliche Liebe hat ihr Objekt am liebsten in der Form der Wasserleiche (Ophelia); von den höchsten artifiziellen Ausdrucksformen bis zum Stammtisch („Der Bauch, der war bemoost; meine Herren, Prost!"). Die Literaturhistorikerin Elisabeth Bronfen hat dazu Anfang der 90er Jahre eine umfassende Monografie vorgelegt („Nur über ihre Leiche"; Tod, Weiblichkeit und Ästhetik). In den Blut- und Boden-Ideologien nimmt diese Irrationalität selber die Form des Vernunftbegriffs an; und auf den Schlachtfeldern der Modernisierungsgeschichte kommt diese negative, abstrakte Sinnlichkeit des „Blutes" zu sich; in der liebenden mann-männlichen Umarmung der Wertsubjekte, die sich gegenseitig mit Bajonetten durchbohren, ebenso wie in der Romantisierung der Bluträusche in den industrialisierten Großkriegen des 20. Jahrhunderts (Ernst Jünger).

Wie die Abspaltung der als „weiblich" definierten, unerläßlichen und dennoch immer wieder und immer brutaler vernachlässigten, eingeschnürten oder direkt zerstörten Momente der Reproduktion das destruktive Wertsubjekt nicht in Frage stellt, sondern vielmehr erst ermöglicht, solange sich der Todestrieb nicht vollendet hat, so überwindet die irrationale Existenzideologie und die negative, blutige Sinnlichkeit der romantisch werdenden Aufklärungs-Männlichkeit dieses Subjekt erst recht nicht, sondern bringt sein weltvernichtendes Wesen zum Vorschein.

Es ist der regelmäßige Fieberanfall der aufgeklärt-rationalen Macher wie der aufgeklärt-rationalen kontemplativen Theoretiker selbst, in dem sich die Irrationalität dieser Ratio zeigt. Es ist also Kant im Zustand der Sinnlichkeit, das heißt der Niedermetzelung alles Lebenden, das nicht in der Wertabstraktion aufgehen kann. Darin zeigt sich die negative, polare Identität von bürgerlicher Moderne und (scheinbarer) bürgerlicher Gegenmoderne. Und nur in dieser unmittelbaren Identität von wertförmiger Vernunft und Vernichtung kann auch der Macher mit dem Denker zusammenfallen. Die bürgerliche Einheit von Theorie und Praxis ist das Vernichtungslager, die Atomexplosion, das Flächenbombardement. Darin besteht der verborgene gemeinsame Nenner von Kant, Hitler und Habermas, von deutscher Ideologie und US-Pragmatismus, von liberaler Zwangsfreiheit und totalitärem Autoritarismus. Trotz aller historischen Gegensätzlichkeit in der Durchsetzungsgeschichte der Wertvergesellschaftung wird dieser gemeinsame Nenner in den großen Krisen und zumal an den Grenzen des Systems sichtbar. Und in dieser Hinsicht gilt es zusammen zu denken, was zusammen gehört.

15.

In vieler Hinsicht stellt der Marxismus nicht die Überwindung, sondern lediglich die Fortsetzung und Erweiterung der destruktiven aufklärerischen Wertmetaphysik von Subjekt und Geschichte dar. Marx selbst und erst recht der so genannte Marxismus haben bekanntlich die Hegelsche erweiterte Version der aufklärerischen Fortschrittsontologie und Fortschrittsmetaphysik im wesentlichen übernommen, um sie lediglich „materialistisch" vermeintlich vom Kopf auf die Füße zu stellen: Die „notwendige Entwicklungsgeschichte" verwandelte sich in die politisch-ökonomische Geschichte von „Produktionsweisen" mit dazugehörigen Denkweisen (historischer Materialismus). Der materialistischen Umdeutung entsprach eine Verlängerung des aufklärerischen Konstrukts: Wie die notwendige Entwicklungsgeschichte des zu sich kommenden Weltgeistes sich in eine notwendige Geschichte von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen verwandelte, so sollte der krönende Abschluß nicht in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern im „Arbeitersozialismus" bestehen.

Der Marxismus postulierte also nur ein weiteres und zusätzliches „objektiv notwendiges Entwicklungsstadium", das nach dem bürgerlichen noch kommen sollte, und erwies sich somit selber als bloßer Wurmfortsatz der aufklärerischen Geschichtsmetaphysik. Zwar bezeichnete Marx gelegentlich den Sozialismus/Kommunismus statt als Abschluß der Geschichte genau umgekehrt als jenes „Ende der Vorgeschichte", dessen Begriff den ersten Ansatzpunkt für eine darüber hinaus gehende Kritik geben kann; aber diese Formulierung entspricht den bei Marx gerade nicht mit der Aufklärungsideologie kompatiblen Momenten seiner Theorie, die (vor allem in Gestalt des Fetischbegriffs) deshalb auch mit dem historischen Materialismus nicht kompatibel sind. An der Fetischform des Werts als solcher ist überhaupt nichts „materiell".

Hinsichtlich des „doppelten Marx" gehört also der historische Materialismus ganz dem bürgerlich-aufklärerischen Erbe, dem Modernisierungs- und Arbeiterbewegungs-Marx an; dementsprechend auch der marxistisch gewendete Begriff des „Fortschritts", der im wesentlichen nur der arbeiterbewegungsmarxistischen Avantgarde-Funktion im kapitalistischen Modernisierungsprozeß (Herstellung allgemeiner Rechtssubjektivität und Staatsbürgerlichkeit etc.) diente.

Damit einher ging folgerichtig die kategoriale Befangenheit des Marxismus auch in den anderen Momenten kapitalistischer Ontologie und Metaphysik; nicht nur hinsichtlich der objektivierten gesellschaftlichen Verkehrsformen von Arbeit und Wert, sondern auch hinsichtlich der bürgerlichen Subjektform, in die hineinzukommen und in der gesellschaftlich anerkannt zu werden das wesentliche historische Anliegen der Arbeiterbewegung war. Der materialistischen Wendung der aufklärerischen Geschichtsmetaphysik entsprach notwendig eine materialistische Wendung der aufklärerischen Subjektmetaphysik (nämlich in Gestalt der klassensoziologistischen Ideologie), ohne die Überwindung der zugrunde liegenden historisch-gesellschaftlichen Form denken zu können.

Logischerweise konnte so der Marxismus auch das Geschlechterverhältnis nur im Rahmen der bürgerlichen Subjektform verhandeln, um die von der Aufklärungsideologie grundsätzlich schon gestellten, aber noch nicht gelösten „Aufgaben" zu erledigen, das heißt als abstrakte staatsbürgerlich-juristische „Gleichstellungsfrage" (analog zur entsprechenden Logik der männlichen Lohnarbeiter-Subjekte), während gleichzeitig die Delegation der abgespaltenen Momente an „die Frau" (die Proletarierin als „Gebärerin" von „Soldaten der Arbeit") ebenfalls von der Aufklärungsideologie übernommen wurde in Gestalt eines von dieser selbst schon ausgebrüteten biologistischen Materialismus des Abspaltungsverhältnisses.

Ganz ähnlich stellte sich das marxistische Verhältnis zu Rassismus und Kolonialismus dar: Auch in dieser Hinsicht übernahm die Arbeiterbewegung weitgehend die aufklärerische Idee von der weißen Überlegenheit und der „zivilisatorischen Mission" des Kapitals, lediglich gemildert durch sanfte Kritik an den „Auswüchsen" kolonialistischer Gräuel. Auch das Subjekt des geschichtsmetaphysischen Fortschritts zum Sozialismus als vermeintliche Krönung der menschlichen Fortschrittsgeschichte konnte daher wieder nur ein im Prinzip männliches und westlich-weißes sein.

Der Befangenheit in den kapitalistischen Realkategorien, in den Essentials der Aufklärungsideologie und im Abspaltungsverhältnis mußte eine ebensolche Befangenheit in den Formen der theoretischen Reflexion entsprechen. Marx hat in seiner Kritik der politischen Ökonomie den kategorialen Zusammenhang und Reproduktionsprozeß des Kapitals klar dargestellt, aber erstens beschränkt auf den Kern des Wertverhältnisses ohne die Dimension des Abspaltungsverhältnisses und ohne die systematische Erfassung der Politikform (ersteres mangels Verständnis, letzteres mangels Gelegenheit der Ausarbeitung). Ähnlich verkürzt und daher widersprüchlich, weil eingebettet in die aufklärerische Fortschrittsmetaphysik, mußte die Marxsche Darstellung des Kolonialismus bleiben.

Zweitens ist die Form der Darstellung eben deswegen eine solche, daß sie positiv-identitätslogisch gelesen werden kann als lediglich materialistisch-politökonomisch gewendete totalitäre Systemtheorie im Hegelschen Sinne, während die negative Theorie der Fetisch-Konstitution gewissermaßen als (das männlich-identitätslogische Ableitungsdenken seit jeher eher befremdender) „Querschläger" erscheint. Unter Ausblendung dieses Fremdkörpers konnte der Arbeiterbewegungs-Marxismus die Marxsche Theorie daher positivistisch als Anleitung zum Handeln innerhalb der Hülle von Wertform und bürgerlicher Subjektform aufnehmen.

In dieser Hinsicht bewies sich der Marxismus besonders folgerichtig als bloßer Wurmfortsatz der Aufklärungsideologie, indem er sich als deren „Erbe" immer konsequent auf die Seite von wertförmiger Rationalität („Vernunft") und eben deren „Fortschritt" stellte. Die Irrationalität desselben Verhältnisses mußte so stets als eine dessen Denkformen äußerliche und feindliche mißverstanden werden, statt den völlig immanenten Charakter der subjektivistisch-irrationalistischen Ideologien und ihrer zerstörerischen Konsequenzen zu erkennen. In der Reduktion auf den vermeintlichen soziologischen „Interessen-Rationalismus" in der Wertform erwies sich das marxistische Denken hinsichtlich des kapitalistisch-aufklärerischen Vernunftbegriffs päpstlicher als der Papst, insofern es stets die abstrakt-universalistischen (und gerade als solche unwahren, weil abspaltenden und ausgrenzenden) bürgerlichen Ideale gegen die ideologisch veräußerlichte bürgerliche Irrationalität „verwirklichen" wollte und die dieser objektivierten Unvernunft der bürgerlichen Vernunft entsprechenden Denkbewegungen und destruktiven Handlungsformen als „Verrat" der bürgerlichen Welt an ihrer eigenen Vernunft statt als deren notwendige innere Konsequenz zu begreifen suchte (exemplarisch bei Lukacs in seiner platten Schrift über die vermeintliche „Zerstörung der Vernunft").

Der Arbeiterbewegungs-Marxismus wurde so gerade dadurch zum Schrittmacher der weiteren kapitalistischen Modernisierungsgeschichte, daß er die reine identitätslogische Denk- und Handlungsform der idealisierten bürgerlichen Vernunft gegen deren eigene überbordende Irrationalität zu repräsentieren schien. Dies machte seine epochale Stärke aus, solange sich die Wertvergesellschaftung noch im historischen Aufstieg befand; aber dann eben auch seine Hinfälligkeit am Ende dieser immanenten Entwicklung des Wertverhältnisses.

Wie in der Aufklärungsideologie und im Realprozeß des modernen warenproduzierenden Systems überhaupt mußte die Arbeiterbewegung somit auch die bürgerliche Spaltung von Theorie und Praxis in der Reflexionsweise eines positivistischen Marxismus reproduzieren. Ihre (zumeist natürlich auch empirisch männlichen und weißen) Repräsentanten zerfielen wiederum in „Macher" und kontemplative Theoretiker. Erstere spalteten die gesellschaftliche Praxis nach dem bürgerlichen Muster und gemäß der identifizierenden Logik des Werts auf in ökonomisches Handeln (Gewerkschaften analog zum Management, inzwischen dessen Bestandteil) und politisches Handeln (Partei zuerst als Anwärter und schließlich ebenfalls als Bestandteil der politischen Klasse); letztere entwickelten und pflegten einen identitätslogischen marxistischen Begriffsapparat im Sinne der (soziologisch verkürzt und daher schlecht immanent wahrgenommenen) Wertabstraktion.

16.

Im Lauf des 20. Jahrhunderts ist das Konzept der aufklärerischen Geschichts- und Subjektmetaphysik immer fadenscheiniger und brüchiger geworden, ohne auf dem Boden der Wertvergesellschaftung und ihres Abspaltungsverhältnisses positiv auflösbar zu sein. Erst der Übergang zur Wertkritik rückt die Überwindung dieser modernen Gesellschaftsform in den Bereich der Denkmöglichkeit. Eine Scharnier- oder Transit-Theorie in dieser Hinsicht bildet insbesondere die kritische Theorie Adornos. Dessen Reflexion stellt die bürgerliche Subjektform (jenseits der klassensoziologisch beschränkten Theorie des Arbeiterbewegungsmarxismus) in zwei Momenten grundsätzlich in Frage: Zum einen als Verkehrsform des Warentauschs, zum andern als die – damit zusammenhängend gedachte – Denkform der Identitätslogik, in der die Welt abstrakt gleichnamig gemacht und damit vergewaltigt, letzten Endes zerstört wird.

Allerdings bleibt die Kritik Adornos an der aufklärerischen Subjektmetaphysik auf halbem Weg stecken, und zwar in dreifacher Hinsicht. Erstens ist die Kritik an dieser Form unvollständig, weil sie sich auf die primäre Verkehrsform (Warentausch) beschränkt und weder die Produktionsform (Arbeit) noch die sekundäre Verkehrsform (Rechtssubjektivität, Politik) systematisch miterfaßt, also die negative Totalitätsform des Werts nur auf der Zirkulationsebene begreift. Zweitens ist die Kritik vor allem auch deswegen unvollständig, weil Adorno trotz verstreuter Ansätze und Hinweise ebensowenig wie Marx bis zur übergeordneten Form des Abspaltungsverhältnisses vordringt. Drittens schließlich nimmt er seine Kritik sogar insofern wieder zurück, als er ausgerechnet dieselbe Form des Zirkulationssubjekts, die für ihn Träger der destruktiven Identitätslogik ist, gleichzeitig zum unverzichtbaren positiven Träger der Emanzipation von sich selbst erklärt, was natürlich nur eine Erweiterung und Übergipfelung der aporetischen aufklärerischen Ideologie darstellen kann, die auf der aporetischen Realstruktur des Werts beruht.

In derselben Weise, wie bei Adorno die Ablösung von der aufklärerischen Subjektmetaphysik unvollständig bleibt und letztlich mißlingt, gilt dies auch für die aufklärerische Geschichtsmetaphysik. Adorno löst das geschichtsmetaphysische Konstrukt nicht auf, sondern führt es lediglich mit umgekehrtem Vorzeichen weiter: An die Stelle des aufklärerischen Geschichtsoptimismus tritt ein entsprechender Geschichtspessimismus. Die Fortschrittsgeschichte verwandelt sich in eine Verfallsgeschichte, gerade weil die Ablösung von der bürgerlichen Subjektform nicht gelingt.

Dies geschieht auf zwei Ebenen, die deutlich zu unterscheiden sind und die doppelte, noch nicht konsequent aufgelöste Befangenheit Adornos sowohl in der Aufklärungsphilosophie als auch im Arbeiterbewegungsmarxismus erkennen lassen. Nämlich einmal auf der Meta-Ebene der überhistorisch-anthropologischen Ontologie; dabei erscheint die Ablösung des Menschen von der herkömmlicherweise weiblich konnotierten „ersten Natur" als grundsätzlich mißlungen, indem sie sich in die „zweite Natur" von Herrschaftsverhältnissen (destruktive Naturbeherrschung und Herrschaft des Menschen über den Menschen) verwandelt. Damit wird die Geschichte überhaupt zu einer Geschichte des Verhängnisses, die mit dem Rückfall in die „erste Natur" zu enden droht. Dies könnte allerdings auch mit dem Akzent gelesen werden, daß das abstrakt-universelle „männliche" Wert-Subjekt womöglich in die „weibliche" Naturverhaftetheit abgleitet, somit als die Furcht des bürgerlichen Wertsubjekts vor seinen eigenen Konsequenzen.

Zum andern denkt Adorno dieselbe Verfallsgeschichte auch auf der Ebene der historischen, kapitalistischen Ontologie. Dabei erscheint ihm die „Verwirklichung der Philosophie" mißlungen, was nichts anderes heißt, als daß die vermeintlichen (gewissermaßen halluzinierten) emanzipatorischen Potentiale der Aufklärungsideologie, an denen er trotz eigenen Beweises des Gegenteils sich festklammert, leider praktisch gescheitert seien und nur noch wehmütig erinnert werden könnten („Eingedenken").

Hinsichtlich der Theorie wäre es (im Gegensatz zu Adornos falscher, beschönigender und gerade deshalb auswegloser Schein-Auflösung) paradoxerweise gerade die durch und durch identitätslogische Reflexionsweise von Aufklärung und Marxismus, die sich als „Philosophie" nicht etwa hätte „verwirklichen" müssen und daran gescheitert wäre, sondern die sich real und destruktiv eben als Durchsetzungsprozeß von Wertvergesellschaftung und Abspaltungsverhältnis tatsächlich „verwirklicht" hat.

In bezug auf die Trägerschaft dieser vermeintlich verlorenen Emanzipation ist es die Arbeiterbewegung, die laut Adorno „eigentlich" dazu berufen gewesen wäre, die angeblich befreienden Gehalte des bürgerlichen Zirkulationssubjekts (die tatsächlich das Gegenteil von Befreiung sind) durch dessen transzendierende Verallgemeinerung zu retten und zu „verwirklichen"; diesen ihren Beruf habe sie jedoch verfehlt und damit sei im Grunde die historische Möglichkeit vertan. In Wirklichkeit jedoch hat die Arbeiterbewegung ihren auf die Wertvergesellschaftung beschränkten Beruf erfüllt und ist gerade deswegen abgestorben.

Adorno bleibt also sowohl in der aufklärerischen als auch in der arbeiterbewegungsmarxistischen Geschichtsmetaphysik hängen, lediglich negativ-pessimistisch gewendet. Denn in der Geschichte des „Verhängnisses" einer mißlungenen Ablösung von der „ersten Natur", worauf er die gesamte vormoderne Menschheitsgeschichte im Grunde reduziert, wäre es einzig die Geburt ausgerechnet des Wertsubjekts, des identitätslogischen Zirkulationssubjekts gewesen (dessen alter ego des Arbeitssubjekts in uneingestandener Ontologisierung implizit vorausgesetzt bleibt), die eine Möglichkeit geboten hätte, den Lauf dieses Verhängnisses zu stoppen - während sie ihn, selbst immanent im Sinne von Adornos Geschichtskonstrukt betrachtet, in Wirklichkeit beschleunigt und zum Kulminationspunkt geführt hat.

Und indem er den Kampf der Arbeiterbewegung um Anerkennung in der bürgerlichen Subjektform wie diese Bewegung selber ideologisch zur möglichen emanzipatorischen Transformation über die Wertvergesellschaftung hinaus mißversteht, muß ihm deren (immerhin ansatzweise reflektierte) Entpuppung als das, was sie wirklich war, zum Rückfall in den ohnehin angelegten Gang des Verhängnisses geraten. Aufklärung, bürgerliches Zirkulationssubjekt und Arbeiterbewegung wären demnach gewissermaßen nur eine Unterbrechung oder zeitweilige Unbestimmtheit in diesem Gang gewesen. Eine auf diesem Reflexionsstand sitzen gebliebene „orthodoxe" Adorno-Gemeinde kann folgerichtig nicht mehr weiterdenken und sich nicht wirklich vom Arbeiterbewegungsmarxismus lösen, sondern diesen nur negativ gewendet fortspinnen, um schließlich an der historischen Grenze des Wertverhältnisses (und angesichts der damit verbundenen forcierten Zerstörungsprozesse) wieder unmittelbar in die Aufklärungsideologie und damit hinter Adornos Reflexionsstand zurück zu fallen.

17.

Parallel zu Adornos Reflexion entwickelten sich zwei andere Stränge von Theoriebildung, die das Obsoletwerden der aufklärerischen Subjekt- und Geschichtsmetaphysik allerdings wesentlich affirmativer als Adorno zu verarbeiten suchten. Strukturalismus (Levi-Strauss, Barthes, Lacan etc., in marxistischer Version Althusser) und Systemtheorie (Luhmann) liquidierten die Subjektillusion des Aufklärungsdenkens nur, um die blinde Objektivität der wertförmigen Vergesellschaftung, also den anderen Pol derselben Denk- und Handlungsform, neu und weiter gehend zu formulieren. Schon das Aufklärungsdenken selber hatte die Autonomie des Subjekts und damit seine Geschichtsmächtigkeit strikt auf den stählernen Rahmen einer unreflektierten Objektivität eingegrenzt, die umstandslos mit „Natur" und Naturgesetzlichkeit gleichgesetzt wurde. Gerade darin zeigt sich ja die Aporie dieses Denkens, das unvermittelte Umschlagen von Autonomie in Heteronomie, von Freiheit in Zwang der Notwendigkeit. Vorgebliche Freiheit und Autonomie entpuppen sich so als gebundener Instinkt einer irrationalen „zweiten Natur", einer Pseudo-Natur der ontologisierten gesellschaftlichen Form, die als Bestandteil der ersten Natur ideologisiert wird.

Strukturalismus und Systemtheorie, letztere sogar direkt auf die theoretische Biologie (H. Maturana) zurückgehend, setzen diesen falschen Naturalismus des Historisch-Gesellschaftlichen in forcierter Weise fort: Das Aufklärungsdenken wird nicht überwunden, sondern seine Aporie lediglich durch eine objektivistische Vereinseitigung ausgeblendet. Das illusionäre autonome Subjekt wird nur vom Thron gestoßen, um die von Anfang an gegebene und mitgedachte quasi-naturalistische Objektivität in einer dürren, leidenschaftslosen, von den ideologischen Emotionen der Durchsetzungsgeschichte „befreiten" Apotheose – zu feiern wäre zuviel gesagt, denn bloße Buchhalter einer sich kybernetisch vollziehenden Faktizität können nichts mehr verherrlichen, sondern bestenfalls wie Luhmann eine gewisse sardonische Luzidität an den Tag legen.

Die Aporie von Subjekt und Objekt im Aufklärungsdenken wird ganz ins Objekt zurückgenommen, wobei letzteres gegenüber dem abstrakten Naturalismus der Aufklärung sich zu einer Struktur- und Systembewegung gewissermaßen verfeinert, die an die Stelle des vormaligen Subjekts der Geschichte tritt. Der vermeintliche strukturalistische und systemtheoretische Triumph über die Metaphysik und Subjektideologie des „alteuropäischen Denkens" erweist sich als bloße Vollendung von dessen positivistischer Vulgarisierungsgeschichte, in der es zu sich kommt.

Das ehemals emphatische männliche Subjekt der Geschichte legt die modrig gewordenen Fahnen und Emblemata seiner Freiheit beiseite, um als eine Art gesellschaftlicher Automaten-Analytiker seine eigene Erbärmlichkeit in den „Informationsprozessen" sozialer Maschinen anzuschauen. Althusser bringt dabei den Klassenkampf als bloßen Strukturprozeß mit mechanischen Vollzugs-Akteuren unfreiwillig auf seinen immanenten Begriff. Und Lacan soll über die Bewegung von 1968 gesagt haben: „Es sind die Strukturen, die auf die Straße gegangen sind".

Mit dieser Selbstdemontage des männlich-weißen Aufklärungssubjekts in seiner Gestalt als kontemplativer Theoretiker ebenso wie als Macher (die subjektlosen kybernetischen Systemimperative sind nur noch einerseits zu konstatieren und andererseits zu vollstrecken) wird das zugrunde liegende geschlechtliche Abspaltungsverhältnis nicht etwa mitdementiert, sondern im Gegenteil ebenso wie die Wertform als spezifischer Gegenstand endgültig ausgeblendet: Es löst sich in den abstrakten Systemzusammenhang auf als Struktur unter Strukturen. In dieser Hinsicht sind nun alle Katzen grau und alle erscheinenden Widersprüche werden glattgebügelt in immer derselben affirmativen kybernetischen Logik; von Luhmann bis zur Perfektion getrieben als sukzessive Abhandlung sämtlicher „Bereiche" unter derselben dürren, tautologischen Begrifflichkeit: das Liebespaar und überhaupt das Geschlechterverhältnis ebenso als „System" bzw. „Subsystem" wie „die Wirtschaft", „die Kultur", „die Religion" usw.

Zusammen mit dem emphatischen Begriff des autonomen Subjekts verschwindet notwendigerweise auch derjenige der Geschichte. Die Historie löst sich in die Zeitlosigkeit einer übergreifenden abstrakten Struktur- und Systemlogik auf, die Natur und Gesellschaft gleichermaßen nach ewigen Gesetzmäßigkeiten steuert. Veränderungen stellen sich nicht mehr als von Menschen gemachte Geschichte, sondern als so genannte „Ausdifferenzierung" von strukturellen Logiken bzw. der „Autopoiesis" von Systemzusammenhängen

dar. Krisen werden nicht als Grenzen einer historischen Formation, sondern als „Störungen" und „Kurzschlüsse" in den Ausdifferenzierungsprozessen wahrgenommen, wie sie die Individuen nur als eine Art gesellschaftlicher Pantoffeltierchen erleben können.

An die Stelle der sich historisch legitimierenden Kritik tritt das Achselzucken des gesellschaftstheoretischen Kybernetikers. Damit ist das Endstadium des kontemplativen Theoretikers ebenso wie des Machers erreicht. Die Spur wird verwischt, der kritikable Begriff des Werts oder der kapitalistischen Verwertungsbewegung verschwindet am Ende seiner Durchsetzungsgeschichte im ahistorischen Nirwana der Form eines „Systems überhaupt" und seiner „Strukturalität überhaupt".

18.

Diese vorletzte Verfallsform des Aufklärungsdenkens ist derart unbefriedigend und entlarvend, daß sie in Gestalt der so genannten postmodernen Theorien oder des „Poststrukturalismus" eine nachfolgende letzte hervorbringen mußte, in der sich die Ausweglosigkeit der warenproduzierenden Moderne scheinbar in Wohlgefallen auflöst, wenn auch in ein gewissermaßen prekäres. Es waren wiederum vor allem französische (immanent kritisch an den Strukturalismus anschließende) Theoretiker wie Lyotard, Derrida und insbesondere Foucault, die mit unterschiedlichen Akzentsetzungen und anhand weit gestreuten historischen wie zeitgenössischen Materials die strukturalistische Sterilität und Monotonie zu überwinden suchten, ohne jedoch auf das zugrunde liegende gesellschaftliche Formverhältnis von Wert und Abspaltung zurückzugreifen und damit die Frage radikaler Kritik zu reformulieren. Im Gegenteil setzen Postmoderne und Poststrukturalismus die systemtheoretisch-strukturalistische Ausblendung der spezifisch historischen Subjekt- und Formbestimmung positiv voraus, um sich vor diesem Hintergrund neu zu positionieren und in gewisser Weise auf diesem bereits affirmativ abgesteckten Boden vermeintlich wieder handlungsfähig zu werden.

Genau darin besteht auch die Gemeinsamkeit dieses Denkens, die von ihren Rezipienten nur deshalb meistens abgestritten wird, weil sie den gemeinsamen Bezugsrahmen gar nicht als solchen wahrnehmen – so massiv ist überhaupt die Problemstellung eliminiert worden. Zusammen mit dem klassensoziologisch verkürzten Arbeiterbewegungsmarxismus wurde auch die damit fälschlich in einen Topf geworfene, gänzlich unbegriffene Marxsche Fetisch- und Formkritik längst zugeschüttet. So befindet sich die system- und strukturtheoretische Reflexion zwar auf derselben Abstraktionshöhe wie der „andere" Marx, jedoch in einer enthistorisierten, form-unkritischen und daher affirmativen Weise.

Das gesamte „Post"-Denken setzt erst recht wie die ordinärste altbürgerliche Ideologie die Kategorien des warenproduzierenden Systems als Naturgrundlage der Existenz voraus; jedoch nicht mehr explizit, weil bereits jenseits der Durchsetzungsgeschichte. In eben diesem Sinne hatten Strukturalismus und Systemtheorie ja bereits vorgearbeitet. Das Subjekt wird nun in einer reduzierten, verstümmelten Form „zurückgeholt", nicht aber die Geschichte.

Nachdem die gesellschaftliche Form und mit dieser jede formationsgeschichtliche Analyse und Kritik aus der Reflexion verschwunden ist, bleibt als ahistorisches Substrat eine positivistische Ontologie der „Macht" (Foucault) oder eine ebenso positivistische Ontologie des „Textes" (Derrida) zurück, deren Charakter als Ontologie ihre Protagonisten gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie als Axiom begründungslos und also auch konstitutionslos (eben: ahistorisch) gesetzt wird. Abgelöst von ihrer begrenzenden Bestimmtheit verwandeln sich die Begriffe von Macht und Text bzw. „Intertextualität" (Julia Kristeva) in Synonyme für die unbestimmte Gesamtheit der gesellschaftlichen Realität.

Diese in der Rezeption ineinander verschwimmenden Konstrukte von Macht und Text bleiben als ahistorische ganz explizit phänomenologisch beschränkt. Ihre unbestimmte Bestimmung bildet nur eine allgemeine Nomenklatur für ein Kaleidoskop der Erscheinungen, deren Wesen nicht mehr benannt werden darf. Sahen sich Strukturalismus und Systemtheorie noch bemüßigt, auf dem bereits enthistorisierten Formproblem insofern herumzureiten, als sie affirmativ die angeblich unüberschreitbare logische Gesetzlichkeit der subjektlosen Zusammenhänge durchkauten, so wehren die „Post"-Theoreme die ominöse Problemebene nur noch ab, indem sie schon die Fragestellung als („großtheoretischen") unzulässigen „Essentialismus" und „Universalismus" denunzieren.

Ihr Blick richtet sich stattdessen auf das Binnengewimmel innerhalb des nicht mehr als solchen wahrgenommenen gesellschaftlichen Rahmens. Deshalb berührt die postmoderne Scheinkritik des Universalismus den totalitären Anspruch der Wertform gar nicht, der vielmehr blind in ihre Voraussetzungen eingeht (kritisiert werden nur die universalistischen Theorien, nicht jedoch der objektivierte negative Real-Universalismus der kapitalistischen Reproduktions- und Verkehrsform, der allen modernen Theorien zugrunde liegt); die kulturalistisch beschränkte Interpretation soll die bloßen Erscheinungen innerhalb der (systematisch ausgeblendeten) leeren Form zu ihrem eigenen Wesen erklären und damit eine Buntheit des demokratischen Lebens auf dem grauen Kasernenhof und in den Folterkellern des ökonomischen Terrors vorgaukeln.

Diese längst vorherrschenden offen affirmativen Tendenzen des Postmodernismus, wie sie die neoliberale Ideologie der kapitalistischen Globalisierung flankieren, verlassen zwar die ursprünglichen Intentionen der postmodernen Position, sind jedoch folgerichtig. Denn soweit bei Foucault, Kristeva etc. eine Analyse von Rassismus und der Konstruktion von Alterität geleistet wird, macht diese zwar oberflächliche Mechanismen der Ausgrenzung sichtbar, ohne sie jedoch mangels eines kritischen Begriffs des Formganzen auf ihren gesellschaftlichen Grund beziehen zu können, der ja systematisch ausgeblendet bleibt.

Macht und Text bilden so die fließende Objektivität, gewissermaßen das ewige Fluidum oder den Äther aller gesellschaftlichen Beziehung, ein Medium oder ein nicht näher bestimmbarer Medienkomplex, in dem sich stets wechselnde Konstellationen abspielen. Schon seinem Begriff nach verweist dieser Macht-Text aber gleichzeitig auf die Subjektivität; er ist gewissermaßen das Subjekt-Objekt - nicht mehr einer Geschichte (wie bei Lukacs das Proletariat), sondern einer wogenden „Jeweiligkeit", in der die Individuen an der Macht weben und den Text umschreiben, ohne Macht und Text zu sein. Der Fetischismus der Moderne mitsamt seinem ökonomischen Terror und seiner politischen Menschenverwaltungsform hat sich aus einem kritikablen Gegenstand in das ewige Wasser des Lebens verwandelt, in dem das Subjekt schwimmt. Als reduziertes und abgerüstetes deswegen, weil es ja jetzt nicht mehr qua Vernunft als ein Macher der Form und damit der Geschichte gilt, sondern nur noch als ein an den Konstellationen der ahistorischen Jeweiligkeit zerrendes und bastelndes Wesen. Und nur in diesem Kontext der Reduktion und theoretischen Abrüstung findet dann (zunehmend weniger) eine kritische Analyse zu Sexismus, Rassismus usw. statt.

Hier gibt es einen gewissen Berührungspunkt der postmodern-poststrukturalistischen Theorien mit Adorno, wenn auch alles andere als eine Übereinstimmung. Auch Adorno hatte ja das Wertsubjekt nicht in seiner ursprünglichen Emphase beschworen, sondern es als Träger der Emanzipation nur zurückgeholt, um es gleichzeitig als Träger der identitätslogischen Weltzerstörung zu denunzieren. Dieses schon zurückgestutzte bürgerliche Subjekt ähnelt in gewisser Weise dem postmodernen, sodaß nicht umsonst der späte Foucault sich positiv auf Adornos Theorie beziehen konnte. Erscheint aber bei Adorno die Aporie dieses Subjekts in aller schmerzhaften Schärfe, so wollen die postmodern-poststrukturalistischen Subjektanimateure sich an dieser Aporie gewissermaßen pragmatisch vorbeistehlen.

Nicht umsonst hat sich in diesem Zusammenhang der Begriff des „Spiels" festgesetzt. Das „Spiel der Zeichen" ist gleichzeitig das „Spiel der Subjekte", die schon keine mehr sind; also eher ein „Spiel mit dem Subjektiven", das nicht mehr als übergreifendes gesellschaftliches Selbstbewußtsein gefaßt wird. Aber dieser Spielbegriff hat eben deswegen nichts Emanzipatorisches gegen den dennoch blind vorausgesetzten bürgerlichen Ernst des Wert- und Abspaltungsverhältnisses, sondern er zeigt nur an, wie das abgerüstet und reduziert zurückkehrende bürgerliche Subjekt der Altersdemenz verfällt und kindisch wird. Gerade weil es den Ernst der Fetischform und ihrer repessiven Imperative nicht einmal mehr denken kann und will, gesteht es sich nun selbst die Unernsthaftigkeit zu. Das Spiel im ewigen Text und mit der ewigen Macht, das keinen historischen Namen mehr hat, beschränkt sich auf die Phänomenologie der Dinge, auf den Habitus der Person als Maske des Werts. Die Maske des Wertsubjekts, die zum Gesicht geworden ist, betreibt einen sekundären Maskenball, in dem sie die einstmals eingebildete Souveränität augenzwinkernd simuliert, übrigens faktisch immer schon auf den Kommerz schielend.

Keineswegs zufällig greifen die „Post"-Theorien durchwegs auf den romantisch-irrationalistischen und existentialistischen Strang der bürgerlichen Theoriegeschichte zurück, speziell auf Nietzsche und Heidegger. Das subjektivistische Moment wird aber nicht mehr scheinbar äußerlich dem objektivistischen entgegengestellt, sondern von vornherein damit vermengt. Die Übermacht der Objektivität als „System" und „Struktur" ist bereits anerkannt und vorausgesetzt, der Subjektivismus des bürgerlichen Subjekts kehrt eben nur als reduzierter zurück. Deshalb entfällt auch die Heroisierung des eigenen Form-Elends (das man immer schon als unüberschreitbar hinnimmt); was übrig bleibt, ist dessen (postmoderne) Ästhetisierung. Abgelöst von der Mystifizierung und Selbstheroisierung in den Epochen der Durchsetzungsgeschichte, kann diese Selbstästhetisierung des Wertsubjekts am Ende seiner Entwicklung nur noch eine oberflächliche Selbststilisierung sein, die gleichermaßen von Langeweile und Angst gezeichnet ist.

Spielerisch an diesem „Spiel" ist nur die Unselbständigkeit gegenüber der blinden Objektbewegung des Systems, ansonsten fällt an den Subjekt-Spielern eine zunehmende, ihren lemmingartigen Aktivitäten gar nicht mehr angemessene Verbissenheit auf: je unwirklicher das Subjekt und sein Wille, desto verbissener. Was das Spiel der Maskenbälle noch an gesellschaftlicher Zugriffs- und Veränderungsmöglichkeit enthalten soll, erscheint selbst in der eigenen Terminologie der „Post"-Theoreme als einigermaßen kläglich: Da ist nur noch von einem „Verschieben" der Bausteine des Textes und der Konstellationen der Macht die Rede, während das begriffslos gewordene gesellschaftliche Ganze tabuisiert bleibt. Aber selbst die schon allzu bescheidene Vorstellung eines bloßen „Verschiebens" der Bauklötzchen im „Spiel" der vom Wert konstituierten Strukturen muß angesichts der wirklich verbliebenen „Gestaltungsmöglichkeiten" als überzogen und geradezu anmaßend erscheinen. Je mehr die „Post"-Theoreme von einem „anarchisch-offenen" System schwadronieren, desto auswegloser schließt sich der Totalitarismus der Wertform zur Krise.

Der Feminismus, treu und brav den Wegen der offiziellen männlich-akademischen Wissenschafts- und Theoriewelt folgend, hat großenteils die Entwicklung vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus mitgemacht. Da mangels eines kritischen Begriffs des Wertverhältnisses oder warenproduzierenden Systems auch kein zureichender Begriff des Abspaltungsverhältnisses gewonnen werden kann, bleibt die theoretische Analyse des sozialen Geschlechts ebenso auf die empirisch-soziologische Erscheinungsebene (und die Abspaltung auf die Struktur- und Zeichenebene) beschränkt wie alle anderen Fragestellungen; dargestellt in der falschen, ahistorischen Ontologie von Macht und Text, in der die wirkliche logisch-historische Ursache für die geschlechtliche Asymmetrie in der Moderne ausgeblendet bleiben muß.

Die bloße Dekonstruktion des Geschlechts auf der Zeichenebene, die an die Stelle der Emanzipation vom Zwang des Geschlechts getreten ist, verfällt daher der allgemeinen Beliebigkeit des postmodernen „Spiels" in der tabuisierten Hülle von Wert- und Abspaltungsverhältnis; die habituelle Oberflächlichkeit der Ansprüche eines „Verschieberns" der Konstellationen im Macht-Text erscheint gerade in dieser Hinsicht buchstäblich als Maskenball der sexuellen Zeichen (etwa in der modisch gewordenen Theorie von Judith Butler). Gerade weil das Abspaltungsverhältnis das übergreifende Gesamtverhältnis der Wertvergesellschaftung bildet, wird in der Behandlung der Geschlechterfrage der reduzierte Verfallscharakter des in der postmodernen Ideologie „zurückgekehrten", sich selbst nicht mehr ernst nehmenden Subjekts besonders deutlich.

19.

Mit dem Poststrukturalismus hat sich die bürgerlich-marxistische, aus der Aufklärungsideologie hervorgegangene Theoriegeschichte endgültig erschöpft; ebenso wie die soziale Reproduktionsfähigkeit des modernen warenproduzierenden Systems und der darin eingeschlossenen Formen von Arbeits-, Zirkulations- und Rechtssubjektivität. Die kontemplativen Denker können nicht mehr weiterdenken, weil die Macher nicht mehr weitermachen können. Was sich an den sekundären postmodernen Maskenball der buchstäblich eingefleischten Charaktermasken des Werts noch anschließen kann, ist keine weitere und weiter gehende begriffliche Reflexion mehr. Erst recht ist es im affirmativen Anschluß an diese Theoriegeschichte unmöglich, das aus der Identitätslogik Herausgefallene, in deren Begrifflichkeit nicht Aufgehende, wirklich neu zu denken und mitzudenken.

Was als Schlachtruf Lyotards noch einmal den Schatten der Emanzipation zu beschwören schien („Krieg dem Ganzen, aktivieren wir die Differenzen" usw.), mußte vor dem Hintergrund einer immer schon begriffs-, geschichts- und subjektlosen ontologischen Strukturtheorie als klägliche Kapitulation enden. Wenn nicht einmal der Name des Ganzen als eines historisch Gewordenen mehr genannt werden kann, ist die Parole „Krieg dem Ganzen" nichts als Hochstapelei. Weder das repressive Realprinzip der fetischistischen Wertform wird dabei angegriffen noch das im Totalitarismus dieser Form nicht Aufgehende an den Dingen und Verhältnissen entdeckt und berücksichtigt. Stattdessen werden nur diejenigen „Differenzen" aktiviert, die nichts als tausendfältige Erscheinungen des negativen Ganzen, der säkularisierten „Eins" kapitalistischer Ontologie sind. Was so aktiviert wird, läuft trotz aller herrschaftskritischen Intentionen letzten Endes auf eine kulturalistische Einkleidung der Krisen- und Vernichtungskonkurrenz hinaus.

Theoretisch haben wir es nur noch mit einem müden, einfallslosen Fortspinnen der Post-Theorien auf den diversen medialen und akademischen Feldern von Feuilletonismus, Soziologie, Politologie usw. zu tun. Jenseits der modernen Theoriegeschichte können Journalismus und akademische Wissenschaft keinen eigenen Anspruch mehr formulieren, sondern sich nur noch eklektisch aus den Ruinen des eingestürzten riesigen Gebäudes von dreihundert Jahren westlicher Geistesgeschichte bedienen, um in der Endzeit und Eiszeit des modernen Denkens ihre jammervollen intellektuellen Hütten damit notdürftig zu befestigen. Tautologische Leerformeln wie diejenigen einer „Modernisierung der Moderne" (Ulrich Beck) oder einer „Demokratisierung der Demokratie" (Helmut Dubiel) künden von einer nicht mehr überbietbaren Inhaltslosigkeit, wie sie längst auch die so genannte Politik ergriffen hat. In den faden und langweiligen Diskursen einer völlig folgenlosen „pragmatischen Ethik" (Kommunitarismus, Zivilgesellschaft etc.), die sich als Zersetzungsprodukte des Positivismus dahinschleppen, wird der entleerte bürgerliche Vernunftbegriff sinnlos hin- und hergewendet.

An die Stelle der Reflexion tritt zunehmend die intellektuelle „Lebenshilfe" für das entsubjektivierte Wertsubjekt, das sich in der universellen Konkurrenz aufreibt. Und nachdem sich die romantisch-existentialistische immanente Gegenform des von der modernen Fetisch-Konstitution beherrschten Denkens in die postmoderne Beliebigkeit aufgelöst hat, geht sie in eine ebenso eklektische Billig-Esoterik über. Weil sowieso alles egal ist, liegen die unappetitlichen Endprodukte von Vernunft und Gegenvernunft einträchtig nebeneinander in den Regalen des intellektuellen Aldi-Supermarkts. Wertrationaler Pragmatismus und abergläubische Geisterseherei wachsen zusammen, weil sie zusammen gehören.

Soweit sich das sekundäre intellektuelle Analphabetentum, das stammelnd die Ewigkeit und Unausweichlichkeit des Weltmarkts preist, auf die Aufklärung beruft, geschieht dies völlig zu Recht, weil es tatsächlich der aktuelle Zustand der Aufklärung und gleichzeitig ihr Endzustand ist. Einerseits nimmt diese Anrufung nostalgische Züge an, etwa wenn ein nur durch besondere Geschwätzigkeit auffälliger US-Denker „Die zweite Aufklärung" (Neill Postman) einfordert, um die immerhin noch konstatierte aktuelle bürgerliche Weltdummheit durch deren eigene Wurzel zu kurieren. Andererseits wird angesichts der zunehmend katastrophalen Krisenereignisse die aufklärerische Phrase von jedem Inhalt gereinigt und mutiert zur beschwörenden Anbetung des demokratischen Gewaltapparats. So löst schließlich ein regressiver, autistischer Fanatismus die geistige Quacksalberei der eklektischen spät- und postaufklärerischen Schwadroneure und Wunderheiler ab.

Die Vulgarität der westlichen Werte-Huberei wird militant. So fordert ein französischer demokratischer Bombenphilosoph den „Krieg um die Aufklärung" (Bernard-Henri Levy) und gibt damit das Muster für die gesamte ehemalige Links-Intelligentsia vor, die an den Worthülsen ihrer Geistesgeschichte würgt, um sie als Vernichtungsregen auf die Welt auszuspeien. Im „heiligen Krieg", im Kreuzzug gegen seine eigenen Ausgeburten in einer von ihm selbst durch ökonomischen Terror verwüsteten und barbarisierten Welt kann der aufgeklärte Ungeist nur noch die Gestalt von US-Kampfbombern annehmen.

20.

Mit jedem neuen Schub der kapitalistischen Weltkrise, die keine Stabilisierung in einem neuen Regulationsmodell mehr erfährt, sondern das Weltsystem im freien Fall in das 21. Jahrhundert stürzen läßt, werden die theoretischen, medialen, politischen, sozialen usw. Äußerungen immer eintöniger und einsilbiger. Im sukzessiven Weltuntergang der kapitalistischen Ontologie bewirkt die säkularisierte metaphysische „Eins", das göttliche Nichts des Werts, eine „coincidentia oppositorum": Nicht bloß Rechts und Links oder Fortschritt und Reaktion etc., sondern überhaupt Sein und Nichts, Vernunft und Irrationalität, Kritik und Affirmation fallen unmittelbar zusammen.

Weil aufklärerische Kritik ihrem Wesen nach die Selbstaffirmation der destruktiven bürgerlichen Subjektform durch ihren historischen Entwicklungsprozeß hindurch war, erlischt sie tatsächlich vor unseren Augen zusammen mit ihrem Gegenstand. In demselben Maße, wie sich alles und jedes Denken in wilder Flucht auf die letzte und äußerste Auffanglinie der Aufklärungsphilosophie zurückzieht, hört es als Denken überhaupt auf zu existieren. Das Schauspiel einer militanten Wiederentdeckung der westlichen Werte, als hätte es die in ihrem Gegenstand befangene Reflexionsgeschichte der letzten 150 Jahre gar nicht gegeben, hat allerdings nichts Tragisches an sich, noch nicht einmal etwas Lächerliches; es ist einfach ekelhaft.

Was sich bei dieser letzten Entpuppung, die das Gewaltmonstrum der globalen demokratischen Selbstvernichtung gebiert, zugleich geltend macht, ist das nur noch in einem unartikulierten bösartigen Winseln sich äußernde „ontologische Bedürfnis" des bürgerlichen Subjekts, das nach seinem natürlichen Tod als Zombi der Aufklärung weiterspukt – gerade bei den adornitischen wie bei den postmodernen angeblichen Kritikern der Ontologie überhaupt, soweit sie zur westlich-demokratischen Weltvernichtungsgemeinschaft übergelaufen sind. Wenn der ontologische Boden, auf dem sich die von der bürgerlichen Subjektform nicht loskommende Scheinkritik der Ontologie noch spreizen konnte, real ins Wanken gerät, verdampft bei den historischen Idioten der Modernisierung die bloß angelesene Reflexion. Die denunziatorische Maßlosigkeit, mit der das Bekenntnis zum noch nicht einmal mehr stinkenden Leichnam des Aufklärungsdenkens verlangt wird, verweist auf ihre eigene Unwahrheit.

Das Rettende kann sich jetzt nur noch darin finden, tatsächlich die falsche positive Ontologie der Moderne und ihrer Subjektform zu verwerfen und die Schiffe zu verbrennen, weil es kein Zurück zur ontologischen Sicherheit und Heimat der Aufklärung geben kann. Die Negativität der emanzipatorischen Kritik wird sich erst vollenden, wenn sie diese Illusion aufgibt.

Krisis 25 (2002) www.krisis.org

Edição portuguesa Razão Sangrenta - (Robert Kurz; Junho de 2002)

http://planeta.clix.pt/obeco/